Die vierte Kränkung

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Künstlichen Intelligenz!

Droht uns die vierte große Kränkung?

Erst stellte sich heraus, daß die Erde nicht das Zentrum des Universums ist. Das war lange bloße Theorie, wurde aber schließlich durch Douglas Adams bewiesen, der überzeugend darlegen konnte, daß die Erde ein ziemlich bedeutungsloser Planet irgendwo am Rande der Galaxie ist oder vielmehr war – sonst hätten die Vogonen sie wohl kaum weggesprengt, um Platz für einen intergalaktischen Highway zu schaffen. Das war die erste Kränkung.

Die zweite Kränkung wurde der Menschheit von Charles Darwin verpaßt und läuft – etwas populärwissenschaftlich formuliert – darauf hinaus, daß der Mensch vom Affen abstammt. Diese Abstammungslehre hat sicher auch deshalb eine solche Karriere hingelegt, weil sie auf Anhieb einsichtig ist – ja, mit Blick auf das allgemeine und spezielle Weltgeschehen in Vergangenheit und Gegenwart fragen sich manche, warum nicht schon vorher jemand darauf gekommen ist? Wobei diese Frage wiederum sehr menschlich ist, und ausgesprochen kränkend für die Affen, geht sie doch trotzdem von der Annahme aus, die Entwicklung der Menschheit sei ein Fortschritt – was aus Sicht und Erfahrung der Affen (ob nun im Nebel oder nicht) mehr als fraglich ist.

Die dritte Kränkung verdanken wir Sigmund Freud, ein Österreicher. Dieser Mann zimmerte eine etwas abenteuerliche Konstruktion aus Ich, Über-Ich und Es zusammen (letzteres erst so richtig bekannt geworden duch Stephen King), dämmte sie mit Kastrationsangst und Penisneid, verputzte das Ganze schließlich mit absonderlichen Träumen und jeder Menge Sex – und ließ die Menschheit mit dem bitteren Gefühl zurück, nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus zu sein. Daneben verschaffte er einem ganzen Berufszweig enorme Einkommensmöglichkeiten und darf mit Fug und Recht als der erste Rapper der Menschheitsgeschichte betrachtet werden, hat die Figur des Ödipus doch einen ganz besonderen Stellenwert in seinem Werk – der alte Motherfucker!

Nachdem wir also nicht mehr im Zentrum des Universums stehen, keine einzigartige Schöpfung Gottes und nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus sind, droht uns nun die vierte Kränkung? Werden wir schon bald nicht mehr die Intelligentesten auf diesem Planeten sein? Werden die Maschinen eines nicht mehr allzu fernen Tages klüger, gebildeter und sogar kreativer sein als ihre Schöpfer?

Nun, auf den ersten Blick scheint noch kein unmittelbarer Anlaß zur Sorge zu bestehen. Solange jemandem von den Netflix-Algorithmen noch ein Film warm ans Herz gelegt wird, den er gerade erst gesehen hat; solange die Amazon-Intelligenz jemandem noch Bücher zum Kauf empfiehlt, die er gerade erst gekauft hat; solange jemandem versichert wird, daß es in Nepal noch freie Kabinen auf einem Kreuzfahrtschiff gibt, und das zu einem unschlagbar günstigen Preis – solange muß uns weder Angst noch Bange werden.

Andererseits – vielleicht haben uns die Maschinen ja auch schon längst eingeholt? In den entsprechenden Debatten liest und hört man immer wieder davon, daß die Künstlichen Intelligenzen gar nicht wirklich nachdenken und zu eigenen Einsichten kommen können, man hat nur den Eindruck. Anders gesagt: das selbstständige Denken wird nur simuliert.

Man verfolge nun eine beliebige Diskussion in Politik oder Gesellschaft und erlebt was? Ein Herumhantieren mit geistigen Versatzstücken, ein Aneinanderreihen vorgefertigter Formulierungen, moralische Plattitüden und einen ausschweifenden Gebrauch von Begriffen, die auf ihre Sinnhaftigkeit zu prüfen, sich schon sehr lange niemand mehr die Mühe gemacht hat. Kurzum: nur eine Simulation selbstständigen Denkens. Mit Kant gesprochen: ein Dauerzirkus in der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Oder mit Karl Kraus: “Die Gedankenfreiheit haben wir. Jetzt brauchen wir nur noch die Gedanken.”