Kunst kommt von können

Am gestrigen Sonntag fand in Bremen die Bürgerschaftswahl statt. Im Folgenden soll es allerdings weder um Wahlergebnisse, Wahlgewinner, Wahlverlierer oder Wählerwanderung gehen, sondern um die journalistische Aufbereitung dieser Wahl.

Kurz vor Mitternacht wurde noch gestern auf der Website der Tagesschau eine Analyse der Wahlergebnisse veröffentlicht, die den betont sachlichen Titel trägt: “Grünes Desaster an der Weser”. Im darauffolgenden Kurztext (der in der coolen Journalistensprache als Teaser bezeichnet wird) heißt es weiter: “Die SPD fühlt Rückenwind aus Bremen und ob die CDU wirklich Großstadt kann, darf bezweifelt werden. Eine Frage stellt sich nach der Bremen-Wahl aber: Wie gehen die Grünen mit dem Debakel um?”

Nun soll hier nicht der “Rückenwind” für die SPD besprochen werden (die ja eigentlich immer Rückenwind spürt, selbst bei Gegenwind oder Windstille), und auch nicht die vermeintliche Frage, die sich jetzt den Grünen stellt (und die von ihnen leicht zu beantworten sein wird: Ursache des Desasters ist natürlich eine Kampagne der Fossil-Lobby) – nein, worauf an dieser Stelle die Aufmerksamkeit gelenkt werden soll, das ist die Formulierung: “ob die CDU wirklich Großstadt kann” (auch wenn es kaum einleuchtend ist, warum sich diese Frage in Bremen überhaupt stellt).

Kann die CDU Großstadt? Das ist eine gute Frage, inhaltlich zumindest (vor allem für die Berliner), sprachlich ist es eine Katastrophe. Ja, Friedrich Merz (CDU) hat diese Formulierung im Vorfeld der Wahl aufgebracht, das kann man zitieren – und sogleich möglichst viel Raum zwischen sich und diese sprachliche Barbarei bringen. Doch nein, der Autor übernimmt und verwendet sie selbst. Und er ist nicht allein.

Kann Scholz Kanzler? Kann Habeck Krise? Die Reihe ließe sich munter fortsetzen und so erwächst der starke Eindruck, daß offenbar einer ganzen Kohorte von Journalisten die Vollverben abhanden gekommen sind. Angesichts dessen stellt sich die Frage: wer so schreibt, kann Sprache?

Andererseits, da Kunst bekanntlich von können kommt, ist dieser Gebrauch von können in seinen verschiedenen Formen ja vielleicht eine Art von Kunst? Möglicherweise versteckt sich hinter dieser Maske sprachlicher Primitivität eine subtile journalistische Finesse!

So muß es sein – unter dem groben Pflaster verbirgt sich eine raffinierte Botschaft. In den obigen Formulierungen fehlt das Vollverb nicht einfach, es ist mit Absicht weggelassen worden! Und so ist denn alles, was Scholz und Kanzler, Habeck und Krise, CDU und Großstadt und überhaupt den ganzen Laden noch irgendwie zusammenhält, ein überfordertes Hilfsverb.