Der Große Bruder
Treffen sich Tino Chrupalla (Vorsitzender der AfD), Alexander Gauland (sein Vorgänger), Klaus Ernst (ehemaliger Vorsitzender von Die Linke), Egon Krenz (ehemals SED) und Gerhard Schröder (noch immer SPD) in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin. Was sich anhört wie der vielversprechende Anfang eines guten Witzes, hat sich tatsächlich so ereignet, und zwar am Dienstag, den 9. Mai, beim Empfang zum “Tag des Sieges”.
Tino Chrupalla trug eine Krawatte in den Farben der Russischen Föderation und er kam nicht mit leeren Händen. Als Geschenk überreichte er dem russischen Botschafter Sergei Jurjewitsch Netschajew eine Tasse, verziert mit einem preußischen Adler. Diese Geste sollte all jene Kritiker der AfD zum Verstummen bringen, die dieser Partei eine Spaltung der Gesellschaft vorwerfen – das Gegenteil ist der Fall! Tino Chrupalla, dessen Wahlkreis bekanntlich in Sachsen liegt, verschenkt einen preußischen Adler – wenn das kein Zeichen der Versöhnung ist, was dann? Offen bleibt bis dato, ob er diese Tasse nicht sogar selbst verziert hat, denn immerhin ist Tino Chrupalla ausgebildeter Maler und Lackierer, mit Meisterbrief. So trägt er innerhalb der Partei denn auch den liebevollen Spitznamen “Pinsel”.
Laut der “Berliner Zeitung” (dessen Herausgeber Holger Friedrich ebenfalls anwesend war) überreichte Chrupalla jene Motivtasse als einen “Ausdruck der Dankbarkeit für die Befreiung von der Naziherrschaft”. Am Tag darauf widersprach er allerdings dieser Darstellung. Er war gar nicht gekommen, um sich für die Befreiung zu bedanken, “sondern um die deutsche Sicht auf Geschichte und Gegenwart zu erläutern”. Donnerwetter! Die fragliche Tasse sollte nun für “Frieden und Aussöhnung” stehen. Da Herr Chrupalla sich offenbar nicht ganz sicher ist, was er mit dieser Tasse letztlich bezwecken wollte, schlagen wir die einfachste Lösung vor: er hat dem russischen Botschafter eine Tasse mitgebracht, damit dieser daraus trinken kann. (Ja, was wohl?)
Das eigentlich Interessante an diesem Abend sind allerdings weder die Herren von der AfD (denen eine Tasse im Schrank fehlt), noch der Herr vom angeblich anderen Ende des politischen Spektrums, noch Holger Friedrich, der schon gar nicht. Wirklich interessant ist das Zusammentreffen von Egon Krenz (gewesener Generalsekretär des ZKs der SED, Staatsratsvorsitzender und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates der DDR) mit dem Altkanzler Gerhard Schröder (“Hol mir mal ‘ne Flasche Bier”).
Die beiden kennen sich seit 1980. Damals empfing Gerhard Schröder, seinerzeit Chef der Jungsozialisten, Egon Krenz in Bonn. Krenz kam als Vorsitzender der “Freien Deutschen Jugend” (FDJ) – die sich am Ende wohl doch nicht so frei gefühlt hat, wie der Name es vermitteln wollte. In der Öffentlichkeit sah man die beiden zuletzt bei der Beerdigung von Hans Modrow (ehemals SED), sie machten einen vertrauten Eindruck.
Nun trafen sie sich wieder, am Tag des Sieges, und worüber mögen sich die beiden wohl unterhalten haben? Über ihre Erfahrungen als Regierungschef (der eine war es für etwa anderthalb Monate, der andere etwas länger)? Über ihre Verluste (der eine hat ein ganzes Märchenland verloren, der andere sein Büro samt Mitarbeitern)? Über ihre Erfahrungen mit der bundesdeutschen Justiz (der eine hat vier Jahre in Moabit gesessen, der andere scheiterte kürzlich mit der Klage, besagtes Büro zurückzuerhalten)? Über Parellelwelten, Verschwörungen, Propaganda, fehlenden Wirklichkeitsbezug? Wer weiß.
Vielleicht haben sich die beiden auch nur schlechte Witze erzählt. Einer geht so: Treffen sich zwei alte verstockte Männer in der Botschaft des Großen Bruders …