Meinungsverschiedenheiten

Die regierende Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey (SPD), hat im Tagesspiegel in Hinblick auf die Rot-Grün-Rot-Koalition, welche gegenwärtig das Schicksal der Hauptstadt bestimmt, folgendes festgestellt: “Es gibt in dieser Koalition an zentralen Punkten sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, was der beste Weg für diese Stadt ist.” Weiterhin erklärte sie: “Wenn man aber eine Situation hat, in der die Meinungsverschiedenheiten an wichtigen Punkten offensichtlich werden, dann macht das die Menschen nicht zufrieden.”

Das ist eine tatsächlich bemerkenswerte Analyse der Gründe dafür, daß gegenwärtig nur noch 24 Prozent der Regierten mit der Arbeit jener Regierung zufrieden sind, der Frau Giffey vorsteht. Aber an dieser Stelle merkt man eben, daß Polit-Profis einen anderen Blick auf die Wirklichkeit haben als Polit-Laien.

Letzterer würde sich ja denken, daß 76 Prozent der Bürger vielleicht deshalb mit ihrer Regierung unzufrieden sind, weil sie zum Beispiel nicht mehr mit der U2 vom Alexanderplatz in Richtung Pankow fahren können, und das noch bis mindestens August, oder weil sie mehrere Wochen warten müssen, um einen Termin für eine banale Amtshandlung in einem der überlasteten Bürgerämter zu bekommen, oder weil sie keine Wohnung finden können (und de facto immer weniger gebaut wird) oder weil es nicht genug Lehrer gibt oder weil die letzte Wahl derartig vermasselt wurde, daß sie demnächst wiederholt werden muß (und der dafür Verantwortliche der gegenwärtigen Regierung weiterhin angehört) oder weil … nun, die Liste ließe sich fortsetzen – aber das sind ja nicht die wirklichen Gründe für besagte Unzufriedenheit.

Folgt man Frau Giffey, so sind die Berlinerinnen und Berliner auch nicht mit den Parteien unzufrieden und auch nicht mit jenen Politikerinnen und Politikern, in deren Verantwortungsbereich die obigen Desaster fallen, und erst recht sind sie nicht mit ihrer regierenden Bürgermeisterin unzufrieden, sondern es sind die Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Koalition, die ihnen wirklich die Laune verderben.

Das ist in etwas so, als bestellte ein zahlender Gast in einem Restaurant ein alles in allem ziemlich teures Essen mit einem klingendem Namen und bekäme nach anderthalb Stunden eine lauwarme, formlose Masse von undefinierbarem Geschmack – wäre daraufhin aber nicht mit dem Essen unzufrieden und nicht mit dem Kellner, der das Essen für ganz großartig hält, und erst recht nicht mit den Köchen, die jene Pampe zusammengerührt haben, sondern wirklich unzufrieden wäre er mit den Meinungsverschiedenheiten in der Küche.

Das mag bei manchen Gästen so sein, im Endeffekt spielt es auch keine Rolle, warum der Einzelne nun unzufrieden ist, jedenfalls würde jeder normale Gast diesen Laden auf absehbare Zeit nicht mehr aufsuchen – doch die Mehrheit der wählenden Berlinerinnen und Berliner geht immer wieder dorthin, seit mehr als zwanzig Jahren, und bestellt dort weiterhin. Mitunter wechseln die Beilagen, doch im Kern ist es immer das gleiche Essen. In diesem Sinne ist die Hauptstadt schon das, was sie so gern sein möchte – etwas Besonderes.