Wurst und Schinken

Kleinmachnow, bei Berlin: in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geht gegen null Uhr bei der Polizei ein Notruf ein. Ein freilaufendes Wildtier sei gesichtet worden. Zum Beleg wird ein Handyvideo vorgelegt. Nach einer Prüfung des Materials lautet die erste Einschätzung der Polizei – es handelt sich um eine Löwin!

Noch in der Nacht beginnt die Suche nach Simba. Dreißig Streifenwagen sind im Einsatz. Hubschrauber und Drohnen liefern Luftunterstützung. Wärmebildkameras durchdringen die Nacht. Tierärzte und Jäger werden alarmiert. Die Bevölkerung wird ernsthaft gewarnt.

Am Donnerstag wird die Suche ausgeweitet. Das SEK wird miteinbezogen und schickt den “Survivor” ins Feld, ein gepanzertes Fahrzeug. Es zeugt von der Weitsicht der entsprechenden Dienststellen, die Bundeswehr bei diesem Einsatz außen vor zu lassen, denn was hätte die schon an Gerät beitragen können (wenn überhaupt irgendetwas)? Leopard, Puma, Marder, Dachs? Allesamt einer Löwin unterlegen.

Michael Grubert (SPD), der Bürgermeister von Kleinmachnow, will Panik vermeiden, ruft die Bürger aber zur Vorsicht auf, und zwar mit den knappen Worten: “Ich würde nicht joggen.” Mittlerweile mehren sich die Gerüchte. Die Löwin soll ein Wildschwein gerissen haben, soll sich in Zehlendorf aufhalten (in der Nähe des Waldfriedhofs), soll überhaupt keine Löwin sein, sondern …?

Als am Freitagmorgen, also heute, die fragliche Löwin noch immer flüchtig ist, ändert die Polizei ihre Taktik. Nun kommt offenbar ein alter Trick zum Einsatz, der griffig in der Formulierung zusammengefaßt ist: mit der Wurst nach den Schinken werfen! Denn anders kann man die Meldung kaum interpretieren, die gegen sechs Uhr auf einer Reihe von Nachrichtenseiten erscheint: “Polizei setzt Suche nach Löwin mit 120 frischen Einsatzkräfte fort”. Lecker …

So imponierend die Beweglichkeit und Risikobereitschaft der örtlichen Polizei in taktischen Belangen auch sein mag, dieses Vorgehen wirft doch einige Fragen auf. Wer genau entscheidet eigentlich, welcher Beamte als frisch gilt oder welcher als nicht mehr frisch oder nicht mehr frisch genug? Was geschieht, wenn eine Einsatzkraft mit dieser Einschätzung nicht einverstanden ist? Wenn einer lieber Löwenköder sein will, als Ausweise im Columbiabad zu kontrollieren oder sich mit der “Letzten Generation” herumzuschlagen? “Lieber Löwe als Klimakleber”, so faßt ein Beamter der Neuen Züricher Zeitung gegenüber seine Vorlieben zusammen.

Kurzum, die Polizei sollte ihre neue Taktik dringend überdenken, denn wenn erst die Antidiskriminierungsbeauftragten von Bund und Ländern darauf aufmerksam werden, wird eine Hatz losbrechen, der gegenüber die gegenwärtige Löwensuche wie ein Familienausflug nach “Tropical Island” erscheinen wird.

Und Simba? Nun, die könnte sich im Schatten der Debatten unbemerkt davon schleichen, nach Italien vielleicht, um dort in einem einsamen Tal in den Dolomiten mit einigen Problembären eine Wildtier-WG zu gründen …