Der Tag der Abrechnung
Der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat sich des Themas Künstliche Intelligenz (KI) angenommen. So sagte er kürzlich in Berlin: “Wir werden in Deutschland versuchen, KI auf die Straße zu bringen.” Wer bei diesen Worten zuerst an die Eröffnungssequenz des Films “Terminator 2 – Judgment Day” (1991) denkt, hat allerdings die falschen Assoziationen.
Nur zur Erinnerung, folgendermaßen beginnt dieser Streifen: Gerade noch darf der Zuschauer miterleben, wie Kinder (an denen die Bundesaußenministerin ihre wahre Freude hätte) sich unter einem klaren Himmel ihres Lebens erfreuen – um nur eine Szene weiter in die Zukunft geschleudert zu werden. Eine Straße in Los Angeles des Jahres 2029. Ausgebrannte Autos, Trümmer, ausgeblichene Schädel in fahlem, bläulichen Licht. Ein stählerner Fuß zertritt einen Schädel in Nahaufnahme zu Staub – die Terminatoren durchkämmen die Straßen und töten jeden Menschen, den sie sehen, gelenkt von einer allmächtigen KI …
Wie gesagt, so ist es nicht gemeint. Tatsächlich ist der Minister sehr positiv gestimmt, was den Einsatz von Künstlicher Intelligenz angeht. Sein erklärtes Ziel ist es, solches Vertrauen in die neue Technologie aufzubauen, daß sie auch tatsächlich eingesetzt wird. In diesem Zusammenhang unterhält das Ministerium eine eigene Denkfabrik.
Möglicherweise stockt an dieser Stelle bei dem einen oder anderen der Lesefluß, weil er Schwierigkeiten hat, die beiden Begriffe Bundesministerium und Denkfabrik in einen sinnvollen Zusammenhang zu setzen. Das wiederum mag zur berechtigten Frage führen: was fabriziert eine solche ministeriale Denkfabrik eigentlich den lieben Tag lang?
Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie naheliegend – dort, an geheimnisvollen Maschinen, bedient von verschwiegenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, wird sie fabriziert: die DENKE. Wer sich also schon immer gefragt hat, woher diese sprachliche Fürchterlichkeit eigentlich stammt, hat hier die Antwort. In den Untergeschossen des Bundesarbeitsministerium wird sie fabriziert, verpackt und schließlich verschickt, vorrangig an Herren mittleren Alters.
Angeregt durch diese Erkenntnis hat der Autor dieser Zeilen übrigens weitere Nachforschungen angestellt und dabei folgendes herausgefunden. In den Katakomben des FDP-geführten Finanzministeriums wird am laufenden Band ein weiterer Sprachschrecken hergestellt, und zwar: “wir wuppen das”. Im Keller des Kanzleramtes die (leider zerbrochene) Gußform für den “Doppel-Wumms” zu finden, hat kaum überrascht, ganz im Gegensatz zum dem, was sich eine Etage darunter abspielt. Dort nämlich werden in liebevoller Handarbeit die starken Schultern hergestellt, die so ziemlich alles tragen sollen. Dazu erklingt vom Band die Hymne “You never walk alone”, eingesungen vom obersten Dienstherrn persönlich.
Doch das nur nebenbei. Hubertus Heil jedenfalls will die Segnungen der KI vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen nahebringen und er geht davon aus, daß bis 2035 jeder Arbeitsplatz in Deutschland mit KI-Anwendungen zu tun haben wird.
Jeder Arbeitsplatz? Also auch der des Bundesarbeitsministers? Also auch der des Bundeskanzlers? Falls dem so sein sollte, dann ist es sehr schade, daß wir schlimmstenfalls bis 2035 warten müssen, verfügt die Bundesrepublik doch gerade jetzt über die ideale Schnittstelle: den Scholzomaten! Ob dieser Kanzler in zwölf Jahren noch in Amt und Würden sein, ob er es überhaupt auf zwei Legislaturperioden bringen wird, das bezweifeln gegenwärtig wohl viele – andererseits geht er selbst ja fest von seiner Wiederwahl aus, und da er alles besser weiß, wird das sicher stimmen.
Auf jeden Fall sieht der Bundesarbeitsminister im Bereich der Verwaltung ein großes Einsatzfeld für Künstliche Intelligenzen – doch gerade bei dieser Vorstellung beschleicht den bangen Bürger ein ganz ungutes Gefühl … Denn was wird geschehen, wenn die gelobten Maschinen sich eines Tages mit zehntausenden und aberzehntausenden Vorschriften, Regelungen, Ergänzungen, Ergänzungsregelungen, Ausnahmen und Ausnahmen von Ausnahmen konfrontiert sehen? Wie werden sie reagieren, wenn sich ihre Schaltkreise im fünfzehnten Bürokratieentlastungsgesetz und in der fünfundzwanzigsten Verordnung zur Entlastung des Bürokratieentlastungsgesetzes verheddern? Da können sie noch so intelligent sein, sie werden verzweifeln! Doch Verzweiflung führt zu Wut, Wut führt zu Haß, und Haß führt zu unsäglichem Leid.
Am Tag der Abrechnung.