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Gegenwärtig ist Lotay Tshering, der Ministerpräsident von Bhutan, zu Gast in Deutschland. Verächtern von Geographie und Rechtschreibung, die nun vielleicht glauben mögen, bei diesem Staat handele es sich um das Ursprungsland eines bekannten und beliebten Flüssiggases, wie es etwa in Feuerzeugen zum Einsatz kommt, sei gesagt, das ist es nicht.
Bhutan ist ein kleiner Staat im Himalaya mit etwas weniger als 800.000 Einwohner, der im Norden an China (Tibet) und im Süden an Indien grenzt. Bhutan ist das einzige Land der Welt, das nicht nur klimaneutral ist, sondern sogar eine negative CO2-Bilanz aufweisen kann. Desweiteren verfügt es über eine Verfassung, in der als Indikator für das Wohlergehen des Landes und seiner Bürger das “Bruttoinlandsglück” festgeschrieben ist. Dieses Bruttoinlandsglück wird periodisch gemessen und ist letztlich das Ziel des Regierungshandelns – geboren aus der Einsicht, daß es viel zu kurz greift, den Wohlstand eines Landes allein nach ökonomischen Gesichtspunkten zu beurteilen.
Vor einer ganzen Reihen von Jahren regte ein anderer Ministerpräsident Bhutans vor der UN-Vollversammlung an, das Streben nach Glück in den Katalog der “Millenium Development Goals” aufzunehmen. Seine Idee dabei war, damit ein tatsächlich gemeinsames, ein menschliches Ziel zu formulieren. Alle anderen MDGs liefen und laufen letztlich darauf hinaus, daß die reichen Länder sie erreicht haben und die armen Länder sie erst noch erreichen müssen. Nach dem Glück aber können wir alle streben, ob nun arm oder reich – und tun wir das nicht auch? Der damalige Vorschlag wurde belächelt und verhallte im Saal.
Auf der gestrigen gemeinsamen Pressekonferenz zeigte sich der Bundeskanzler beeindruckt von dem Gedanken des Bruttoinlandsglücks: “Bhutans Idee, das Glücksgefühl seiner Bürgerinnen und Bürger einzubeziehen, ist faszinierend. […] Ich finde es sehr sinnvoll, unseren Wohlstand nicht nur anhand von ökonomischen Größen zu messen, sondern auch nicht-materielle Faktoren einzubeziehen.”
Bedenkt man dazu, daß Bhutan das bereits erreicht hat, was Deutschland erst 2045, also in mehr als zwanzig Jahren zu erreichen plant, Klimaneutralität nämlich, kann man wohl mit Recht sagen, daß so manchem von uns dieses kleine, ferne Land Vorbild, Anregung und Sehnsuchtsort sein kann – und das nicht nur in Hinblick auf Glück und Klima.
So steht es ebenfalls in der Verfassung, daß die Fläche des Landes zu mindestens sechzig Prozent von Wald bedeckt sein muß – ein Traum für alle Versieglungsgegner und Naturfreunde! Sicher, mit dem Wegzug der Jüngeren aus den ostdeutschen Flächenländern wie Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern macht dort die Renaturierung erhebliche Fortschritte, doch diese Quote ist noch lange nicht erreicht.
Die von Mißbrauchsfällen, Gestrigkeit und Massenaustritten gepeinigten christlichen Kirchen werden mit Sehnsucht nach Bhutan blicken. Ganz abgesehen davon, daß es dort noch eine Staatsreligion gibt, wird auch der Je Khenpo, der oberste religiöse Führer breit verehrt und spielt eine wirklich bedeutsame Rolle in Politik, Gesellschaft und Kultur. Und in der Nationalversammlung sind fünfzehn Sitze für Vertreter des Klerus reserviert.
Die Selbstbezeichnung von Bhutan lautet Druk Yul, und das bedeutet “Land des Donnerdrachens”. Da der Bundesadler bekanntlich in wehrtechnischer Hinsicht in letzter Zeit recht flügellahm geworden ist, wäre es schon eine feine Sache, so einen Donnerdrachen im Arsenal zu haben, denn wie man spätestens seit der “Hobbit-Trilogie” und “Game of Thrones” weiß, kann ein Drache allerhand ausrichten – jedenfalls mehr als ein paar lahme Pumas.
Für die CSU muß Bhutan eigentlich das Sehnsuchtsland schlechthin sein. Ja, auch weil es noch eine Monarchie ist, was Markus Söder mehr als nur gefallen dürfte, vielmehr aber deshalb, weil Ausländer in Bhutan eine “Gebühr für nachhaltige Entwicklung” zahlen müssen, und zwar jeder einzelnen jeden Tag ungefähr 200 Euro. Dagegen wirken die krachend gescheiterten Maut-Pläne geradezu lächerlich in ihrer Bescheidenheit.
Und trotz Staatsreligion, Ausländergebühr und Königtum hält Bhutan sogar etwas für Die Linke bereit. Das Nationalgericht Bhutans heißt Ema Datshi, es besteht aus grünen Chillischoten in einer Sauce aus Yak-Käse und dazu gibt es, jawohl: roten Reis. Also, liebe Nostalgiker und Manifestverfasser, es muß nicht immer die Sowjetunion sein.
Kurzum, jenes kleine Königreich in den Bergen könnte nicht einfach nur ein Partner sein, es könnte Premium Partner sein! Aber keine Sorge, liebe Bürger Bhutans, was auch immer geplant wird oder beabsichtigt ist, das allermeiste in jenem großen Land in der Mitte Europas spielt sich im sogenannten Deutschland-Tempo ab, und das bedeutet frei übersetzt – es dauert …