Paradies in Sicht

Erst vor kurzem hat Professor Roland Merten, der Direktor des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Jena und ehemaliger Staatssekretär im Thüringer Bildungsministerium, allerhand Aufregung in den bildungsnahen Schichten ausgelöst.

In einer Einschätzung, die sich zwar primär auf den Freistaat Thüringen bezieht, wohl aber bundesweite Relevanz hat, konstatiert Professor Merten folgende Entwicklung – so die Thüringer Allgemeine in ihrer Ausgabe vom 5. Februar dieses Jahres: “Obwohl sich im Verhältnis zur politischen Wende von 1989/1990 und dem Referenzschuljahr 1992/1993 in den meisten Schularten das Verhältnis von Schülern und Lehrkräften sogar verbessert hat, insbesondere in den Gymnasien, hat sich die Unterrichtsversorgung kontinuierlich verschlechtert.”

Wie kann das sein? Laut Merten “haben sich die Lehrkräfte mit teils windigen Begründungen durch sogenannte Abminderung ihrer dienstlichen Aufgaben, nämlich der Erteilung von Unterricht, in einem nicht mehr zu begründenden Umfang entledigt.” Und das bedeutet in concreto: “Inzwischen gehen mehr als 20 Prozent des gesamten Unterrichtsvolumens in Abminderungen, das heißt, jede fünfte Stelle wird für irgendwelche anderen Aktivitäten zweckwidrig vernutzt.” Donnerwetter!

Nur wenige Tage später veröffentliche das Statistische Bundesamt eine Mitteilung, aus der hervorging, wie viele Lehrer an allgemeinbildenden Schulen im Schuljahr 2021/22 nicht Voll-, sondern Teilzeit gearbeitet haben. Es handelte sich um insgesamt 40,6 Prozent. Anders gesagt, nur 59,4% Prozent aller Lehrer arbeiteten noch voll!

Wenn man beide Nachrichten gedanklich in Zusammenhang bringt, kann einem Angst und Bange werden, und es drängt sich die Frage auf – wie soll das alles bloß weitergehen?

Die Antwort auf diese Frage kommt weder aus dem politischen noch dem sonstigen Berlin und auch nicht aus einer der anderen Metropolen der Republik, sondern aus einem kleinen Ort im malerischen Ammerland! Geographiegebildete werden sich nun aufgeregt fragen, ist es das putzige Edewecht? Oder Westerstede? Oder Rastede? Nein, es ist Wiefelstede, dem wir die Antwort auf eine der drängendsten Fragen unserer Zeit verdanken.

Wer gerade geschlafen hat, als im Geographieunterricht der Norden Deutschlands behandelt wurde, dem sei gesagt, das Ammerland liegt in Niedersachsen und Niedersachsen, nun ja, das liegt irgendwo zwischen Hamburg und Holland. Und wer – völlig unverständlich – die 14. Staffel von Deutschland sucht den Superstar verpaßt hat, dem sei gesagt, daß der damalige Gewinner, Alphonso Williams, genannt Mr. Bling Bling, einst in Wiefelstede wohnte. Wahnsinn!

Aus diesem Ort also stammt die Antwort, und sie ist wie alle wirklich guten Antworten auf die wirklich großen Fragen dieser Welt ganz einfach und naheliegend, es muß nur jemand darauf kommen!

Die Grundschule Wiefelstede plant nämlich, zeitnah die Vier-Tage-Woche für ihre Schülerinnen und Schüler einzuführen. Natürlich! Und richtig, warum soll das, was für viele Lehrer ganz selbstverständlich ist, den Schülern verwehrt bleiben? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Gerade in heutige Zeiten, da wir doch eigentlich auf jede Form von Diskriminierung so empfindlich reagieren wie ein Laktoseintolleranter auf ein Stück Quarktorte mit Schlagsahne.

Zumal diese elegante Lösung nicht nur kurz-, sondern mittel- und langfristig noch reichlich Luft nach unten hat. Denn wenn man sich erst einmal an Gedanken einer Vier-Tage-Woche gewöhnt hat, was spricht dann noch gegen eine Drei- oder Zwei-Tage-Woche?

Skeptiker mögen sich an dieser Stelle fragen, wo das am Ende hinführen soll? Doch sie können beruhigt sein – dieser Weg führt geradewegs ins Paradies! Endlose Ferien für Lehrer und Schüler, und die Frucht der Erkenntnis, die Eva ohnehin niemals hätte pflücken sollen, wird einfach wieder zurück an den Baum gehängt.