Vorwärts in die Vergangenheit
Bei der ursprünglichen Wahl zum 19. Berliner Abgeordnetenhaus gab es bekanntlich einige Pannen – und für die ist sehr wahrscheinlich Herr Putin verantwortlich. Woher man das weiß? Nun, das wird vom Ausschlußprinzip geboten. In Berlin selbst ist schließlich so gut wie niemand verantwortlich für dieses Desaster, also muß es Putin gewesen sein, der ja auch sonst vor nichts zurückschreckt.
Nun müssen die Berliner und Berlinerinnen also erneut an die Urne treten, und zwar am 12. Februar 2023. Wer sich bis jetzt noch nicht sicher ist, welche Partei er an jenem Tag wählen soll, dem sie an dieser Stelle eine klare Empfehlung gegeben: Die Linke natürlich!
Für diese Partei spricht nicht nur ein Grund, es sprechen nicht nur zwei Gründe, nein, es sind ihrer gleich drei – was an sich schon für diese Partei spricht, sind doch aller guten Dinge drei, und gut sind sie, diese Gründe.
Eines der schwerwiegenden Probleme der Hauptstadt ist das Wohnungsproblem, also der Mangel an Wohnungen im allgemeinen und der Mangel an bezahlbaren Wohnungen im besonderen. Ja, Die Linke hat in der Vergangenheit hin und wieder den Eindruck erweckt, sie würde den Wohnungsbau eher verhindern als befördern, doch damit ist nun Schluß! Mit Energie und Enthusiasmus wurde am Freitagabend (09.12.2022) beim Wahlkampfauftakt verkündet, daß ein phantastisches Programm gestartet werden soll: die landeseigenen Wohnungsbauunternehmen sollen eine Milliarde Euro bekommen, um bis 2030 die stolze Anzahl von 50.000 Wohnungen zu bauen.
Das mag nun einige Fragen aufwerfen. Nein, nicht die Frage, woher diese Milliarde denn kommen soll? Das hätte man früher vielleicht gefragt, doch in Zeiten, in denen sich Bremsen, Deckel und Pakete in ganz andere Höhen vorwagen, rangiert das bißchen Geld eher im Bereich der gehobenen Portokasse, nach deren Herkunft man sich zu fragen schon nicht mehr die Mühe macht.
Eher könnte ein gewiefter Kopfrechner ermitteln, daß damit also für 20.000 Euro je eine Wohnung gebaut werden soll, und angesichts dessen die Frage stellen, ob das nicht eine Spur zu ehrgeizig ist? Außerdem ließe sich angesichts von wachsendem Fach- und überhaupt Kräftemangel fragen, wer diese Wohnungen denn überhaupt bauen soll? Und womit – angesichts zunehmender Knappheit an Baustoffen? Schließlich werfen die Formalien einen derartig bedrohlichen Schatten auf das ganze Baugeschehen, daß man sich fragt, ob den Parteioberen im Eifer des Wahlkampfes nicht ein lustiger Zahlendreher unterlaufen ist und sie in Wirklichkeit nicht doch das Jahr 2300 meinen?
Doch irgendwelche Einwände gibt es ja immer – die allerdings sollten auf keinen Fall vom Wesentlichen und vom ersten besagter Gründe ablenken: alle Parteien verkünden große Pläne zur Lösung des Wohnungsproblems der Hauptstadt, doch nur Die Linke ist auch tatsächlich in der Lage dazu, die ihren umzusetzen. Warum? Nun, sie hat es einmal geschafft und sie wird es wieder schaffen!
Oft wurde dieser Partei vorgeworfen, sich nicht ausreichend oder überhaupt von ihrer Vorgängerpartei, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) distanziert zu haben – doch all diese Mäkler und Herumkrittler werden sich schon bald freuen, eine neue, wunderbare Wohnung beziehen zu dürfen, die gerade deshalb entstanden ist, weil Die Linke aus ihrem reichem Erbe schöpfen kann.
Am 2. Oktober 1973 beschloß das Zentralkomitee der SED auf seiner 10. Tagung ein umfassendes Wohnungsbauprogramm – und das wurde dann auch umgesetzt. Diesem Wohnungsbauprogramm verdanken wir nicht nur solche herrlichen Ensemble wie Halle-Neustadt oder die empfindsam in die Landschaft eingebetteten Plattenbauten auf dem Lande, sondern auch solche städtebaulichen Juwelen wie Berlin-Marzahn oder Hellersdorf oder Hohenschönhausen – schon die Namen allein lassen Architekturliebhaber in aller Welt eine seligen Blick aufsetzen und die Bewohner von Berlin-Zehlendorf, Grunewald oder Dahlem vor Neid grün anlaufen.
So entstanden im Laufe der Jahre hunderttausende Wohnungen, die nicht nur an sich standardisiert, sondern auch noch standardisiert eingerichtet waren – und wer sehnt sich heute nicht nach etwas mehr Standard, in einer Welt, die mit ihrer Multioptionalität selbst eine Sparflamme in den Burnout treiben kann?
Schon von offizieller Seite erhielten diese neuen Bauten Namen, die in ihrer konkreten Poesie zeitlos wirken und eindrucksvoll belegen, daß die DDR beileibe keine Diktatur oder ein Unrechtsstaat gewesen ist, sondern von Lyrikern und Romantikern geleitet wurde. So gab es die Plattenbautypen M 10 oder WBS 70 oder, und bis heute unübertroffen in seiner Verdichtung der Sprache: WHH GT 18! Aber selbst das reichte den Bewohnern der DDR noch nicht, sondern sie erfanden einen eigenen, liebevollen Namen für ihr neues Heim: Arbeiterschließfach.
Das Westberliner Gegenstück, die Gropiusstadt, hat es mit “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo” gerade einmal in den Enthüllungsjournalismus geschafft, wohingegen die Plattenbauten der DDR mit weltliterarischem Nimbus versehen wurden, und zwar von niemand Geringerem als Heiner Müller, der ihnen eine eigene, besondere Beschreibung zuteil werden ließ: Fickzellen mit Fernheizung.
Wer noch immer nicht überzeugt ist, sollte einfach mal selbst nach Hellersdorf oder Hohenschönhausen hinausfahren, am besten bei Nacht, um den Charme des Ortes und die Weltoffenheit der Bewohner dort vielleicht sogar an eigenem Leib zu erfahren …
Der zweite Grund, warum man unbedingt Die Linke wählen sollte, hat ebenfalls mit der ruhmreichen Vergangenheit dieser Partei und wiederum mit dem Wohnungsmarkt zu tun: Deutsche Wohnen und Co enteignen? Das hat die SED schon vor Jahrzehnten getan, ohne irgendwelche Volksentscheide oder Expertenkommissionen oder Gutachten, sondern einfach so und fertig. Der größte Teil aller Wohnungen ging in das Eigentum des Volkes über und wurde kommunal verwaltet – und so war schon damals alles so, wie es heute sein sollte und alles war gut.
Also, fast alles, denn nachdem die DDR völlig unverschuldet kollabiert war, bewegten sich die meisten der derartig kommunal verwalteten Wohnungen auf einer Skala, die von heruntergekommen über verkommen bis unbewohnbar reichte.
Doch halt! Alles hat zwei Seiten – und so, wie ein Frühblüher durch den frostigen Boden drängt, so erwächst aus dem zweiten Grund der dritte: denn was entstand schließlich in jenen maroden Altbauten, im Prenzlauer Berg etwa oder im Friedrichshain? Ein Kulturszene, die ihresgleichen sucht!
So hat Die Linke also in ihrer Vergangenheit bereits bewiesen, daß sie nicht nur das Wohnungsproblem lösen, nicht nur die raffgierigen Profitgeier vom Immobilien-Himmel schießen, sondern aus all dem auch noch den Nährboden für eine fruchtbare Kulturlandschaft zusammenfegen kann. Und wie oben schon geschrieben, sie hat es einmal geschafft und sie wird es wieder schaffen, denn wirklich gute Politik zu machen, das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht.
Wem diese drei guten Gründe noch immer nicht genügen, der muß darauf warten, daß Sahra Wagenknecht ihre eigene Partei gründet – aber das wäre dann schon fast zu viel des Guten.